Rauchender Berg, schlafende Frau

Die Legende der berühmtesten Vulkane Mexikos

Abschlussprojekt für die Deutsche POP

Aus Copyright-Gründen können die synchronisierten Clips hier leider nicht veröffentlicht werden.
Sie wurden separat eingereicht.

Andrea Gilgenbach, Sprecherin und Moderatorin

Einführung

Natürlich wuchs ich mit den Märchen der Gebrüder Grimm und von Hans Christian Andersen auf. Aber eben auch mit der mexikanischen Legende um die Entstehung der beiden Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl. Sie thronen über dem Tal, in dem damals das aztekische Tenochtitlan lag, heute die Hauptstadt Mexiko City. Sie prägen das Stadtbild, den Alltag der Bewohner, und die Kunst aus der Region. Wenn ich im Verlauf meines Lebens die Heimat meiner Eltern besuchte, war es der Anblick der Vulkane, der beim Anflug auf unser Ziel nostalgische Freude in mir weckte. Nicht zuletzt sind sie auch das Motiv eines Gemäldes meiner Großmutter Martha Ramírez de Arellano, die so lange ich mich erinnern kann begeisterte Malerin ist und deren Bilder diese Webseite schmücken. Und so wurde die Geschichte der Vulkane ein Teil meiner Geschichte.
Das Wort Popocatépetl bedeutet auf Náhuatl, der Sprache der Azteken, „rauchender Berg“. Das Wort Iztaccíhuatl „weiße Frau“ – jedoch ist heute die Bezeichnung „schlafende Frau” geläufiger. Sie sind die beiden Hauptfiguren der folgenden Erzählung.


Das Liebespaar

Andrea Gilgenbach - Sprecherin und Moderatorin
Es war einmal eine aztekische Prinzessin namens Iztaccíhuatl. Ihr Herz brannte für den stattlichen Krieger Popocatépetl und er erwiderte ihre Liebe. Der Vater der Prinzessin, ein mächtiger Häuptling, sandte Popocatépetl auf einen Feldzug nach Oaxaca und versprach ihm die Hand seiner Tochter, wenn er siegreich zurückkehrte. Hoffnungsvoll verabschiedeten sich die Liebenden, doch im Geheimen schmiedete der eifersüchtige Nebenbuhler Citlaltépetl finstere Pläne.

Das Gemälde für diesen Abschnitt wählte ich in Anlehnung an einen alternativen Namen für Iztaccíhuatl aus meinem Kinderbuch: Xochiquetzal – Blumenfeder.

Um Liebe und Eifersucht geht es auch im Filmclip aus „Die Hochzeit meines besten Freundes.“ Julianne fliegt nach Chicago, um die Verlobte ihres besten Freundes Michael kennen zu lernen. Doch während die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange sind, flammen in Julianne alte Gefühle wieder auf und sie versucht, Michael für sich zu gewinnen. In dem von mir gewählten Clip leiht ihr Freund George Julianne ein Ohr, während sie ihren Frust über Michaels perfekte Verlobte äußert.

Die romantische Komödie ist für mich nicht nur ein nostalgisches Sahnehäubchen, ihre witzigen Momente bringen mich noch heute laut zum Lachen. Beim Sprechen dieser Szene bekam ich Unterstützung von meinem Mann Felician, der im krassen Kontrast zu seinen sonstigen Freizeitaktivitäten in einem allerersten Synchronversuch George seine Stimme lieh. Besonders schön war für mich, dass dieser kleine Wohlfühl-Clip mir die Gelegenheit gab, ins Mikrofon zu lachen.
Andrea Gilgenbach - Sprecherin und Moderatorin

Der Krieger

Während Popocatépetl sich fernab der Heimat mutig in den Kampf stürzt, wartet Iztaccíhuatl sehnsüchtig auf ihn. Doch Citlaltépetl wittert eine Gelegenheit, die Prinzessin zu umgarnen. Er versucht sie mit süßen Worten zu betören, macht ihr immer wieder seine Aufwartung und überhäuft sie mit Geschenken. Iztaccíhuatl will von alledem nichts wissen und harrt weiter treu der Rückkehr ihres geliebten Kriegers. Schließlich bedient sich Citlaltépetl einer List und belügt die Prinzessin, indem er sie glauben lässt, Popocatépetl sei im Kampf gefallen. So hofft er, Iztaccíhuatl noch vor der Rückkehr des Streiters an sich zu binden.

Das Gemälde für diesen Abschnitt zeigt einen Kolibi, in der aztekischen Mythologie ein Symbol für den Kriegsgott Huitzilopochtli.

In der Trilogie “Der Herr der Ringe” bleibt auch die Elbe Arwen zu Hause zurück, während ihr Geliebter Aragorn, für den sie ihre Unsterblichkeit aufgeben will, zu einer gefährlichen kämpferischen Mission aufbricht. Auch hier wird ein Paar durch den Krieg getrennt. Da Aragorn ein sterblicher Mensch ist, steht Arwens Vater Elrond der Beziehung skeptisch gegenüber und strebt stattdessen an, dass seine Tochter nach Westen in die Unsterblichen Lande segelt. Durch die gut gemeinte Halbwahrheit, dass er in ihrer Zukunft kein Liebesglück, sondern nur den Tod erahne, überredet er sie zunächst zu der Reise. Arwen jedoch reitet zu Beginn der hier ausgewählten Szene zurück zu ihrem Vater nach Hause, nachdem sie selbst in einer Vision ihren und Aragorns zukünftigen Sohn erblickte. Nun fest entschlossen zu bleiben, fordert sie ihren Vater dazu auf, das zerbrochene Königsschwert aus alten Zeiten neu zu schmieden und damit Aragorn im bevorstehenden Kampf zu seiner eigenen Königswürde zu verhelfen.

Meine tief empfundene Liebe für die Welt von J.R.R. Tolkien, zu der auch “Der Herr der Ringe” gehört, kann ich nicht genug beteuern. Seit meiner frühen Jugend fiebere ich wieder und wieder mit den Figuren mit, lasse mich von den grandiosen Geschichten inspirieren und entdecke darin immerfort neue Höhen und Tiefen. Allein über die vielen Implikationen dieser kurzen Szene könnte ich einen ganzen Aufsatz verfassen. Dave Stöcklein übernahm hierin die Rolle Elronds, während ich mir damit, dass ich in Arwens Schuhe schlüpfte, gewissermaßen einen Kindheitstraum erfüllte. Die größte Herausforderung war hier das Mischen der vielen Sound-Effekte. Gerade wenn ich dachte, der Clip sei nun endlich fertig, entdeckte ich wieder einen kleinen Moment, der nicht klanglos verstreichen durfte, und musste mich wieder an die Recherche machen. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich an dieser Szene nicht ungemeine Freude hatte.
Andrea Gilgenbach - Sprecherin und Moderatorin

Die schlafende Frau

Wie die Legende an dieser Stelle weitergeht unterscheidet sich von Fassung zu Fassung. Manche Varianten erzählen, dass Popocatépetls Rückkehr nach Tenochtitlan unmittelbar bevorsteht, dass Citlaltépetls Späher davon erfahren und er in Panik gerät. Um zu verhindern, dass Iztaccíhuatl die Nachricht erhält, flößt er ihr einen Schlaftrunk ein, der sie irreversibel in einen tiefen Schlummer fallen lässt. In anderen Versionen der Geschichte nimmt sich Iztaccíhuatl in tiefer Trauer um den totgeglaubten Geliebten das Leben. So oder so tritt Popcatépetl unversehrt den Heimweg an und stellt mit Entsetzen fest, dass seine Prinzessin in einen ewigen Schlaf gefallen ist.

Das Gemälde für diesen Abschnitt mit den weißen Blumen wurde aufgrund der wörtlichen Übersetzung von Iztaccíhuatl, „weiße Frau“, gewählt.

Ob sie nun durch äußere Einwirkung vergiftet wurde oder nicht, die Parallele zwischen der entschlafenen aztekischen Prinzessin und der ohnmächtigen Königstochter aus deutschen Landen ist offensichtlich. So wählte ich als meinen dritten Clip die Szene aus “Schneewittchen”, in der die böse Königin in Gestalt einer alten Frau Schneewittchen – die ebenso wie Iztaccíhuatl nach der Farbe Weiß benannt ist – in den vergifteten Apfel beißen lässt.

Als erster animierter Film in voller Länge ist „Schneewittchen“ ein Meilenstein der Kinogeschichte. Im harten historischen Kontext der 30er Jahre verstanden es Menschen wie Walt Disney, ihren Zuschauern durch das Abtauchen in märchenhafte Fantasiewelten Ablenkung vom Alltag zu bieten. Gleichzeitig war dies der Startschuss für die lange Disney-Filmografie, die mich bis heute begeistert. Ihre Entstehungsgeschichte ist faszinierend, ihre narrativen Methoden meisterhaft, ihre Figuren, Bilder und Musik aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. (Man braucht dazu nur meine Eltern zu fragen, zu welchem Lied ich anfing zu tanzen, als ich noch kaum richtig stehen konnte. Die Antwort und anschließende Beschreibung werde ich aus Peinlichkeitsgründen tunlichst verschweigen.)

Der Reiz der Apfelszene besteht für mich darin, dass ich die Möglichkeit hatte, zwei sehr unterschiedliche Figuren zu sprechen, die sich miteinander unterhalten, und dabei die Chance bekam, eine große Bandbreite zu präsentieren. Ironischerweise fiel es mir leichter, der alten Hexe eine Stimme zu geben, als der mir klanglich ähnlicheren Hauptfigur. Ob sich daraus Schlüsse über meine Persönlichkeit ergeben, lasse ich wohl lieber unkommentiert…
Andrea Gilgenbach - Sprecherin und Moderatorin

Die Erinnerung

Popocatépetls Bestürzung über die Entschlafung Iztaccíhuatls ist groß. Als er erfährt, dass Citlaltépetls Lügen die Ursache dafür sind, fordert er den Rivalen wutentbrannt zum Zweikampf auf und tötet ihn. Um seiner Prinzessin ein angemessenes Begräbnis zu ermöglichen, schichtet er einen hohen Berg auf und bettet ihren Leib behutsam darauf. Trauernd leistet er einen Schwur, nicht von Iztaccíhuatls Seite zu weichen. Seine unumstößliche Treue rührt sogar die Götter an, die ihm eine übernatürliche Fackel überreichen. Bei ihrem Licht wacht Popocatépetl nun, vornübergebeugt, über den Leichnam seiner Geliebten, in der verzweifelten Hoffnung, dass sie eines Tages doch erwachen wird. So wandeln sich die Liebenden aus der Legende in die zwei Vulkane, von denen der eine die Silhouette der schlafenden Prinzessin nachzeichnet und längst inaktiv ist, während der andere bis heute das Licht und den Rauch seiner Fackel nicht erlöschen lässt.

Das Gemälde für diesen Abschnitt zeigt eine Gasse in einem mexikanischen Dorf, ähnlich dem aus dem Film „Coco“.

Dass die Erinnerung an solche Legenden, an unsere Vorfahren und Verstorbenen in Mexiko lebendig ist wie eh und je zeigt sich in Festen, Traditionen und Ritualen. In vergangenen Jahren erfreuen sich einige Elemente des Día de los Muertos, des Tags der Toten, großer Beliebtheit in der westlichen Populärkultur. Die Präsenz von Zuckerschädeln in Mode und grafischem Design ist nicht immer nur vorteilhaft, denn oft geht sie mit einem Mangel an Verständnis für die alten Bräuche einher, mit Fehlbezeichnungen und exzessiver Kommerzialisierung. Ein meines Erachtens sehr positives Ergebnis dieser Verbreitung ist jedoch der Film “Coco”, aus dem die vierte und letzte Szene dieser Projektarbeit stammt. Darin wird der freigeistige Junge Miguel von seiner Großmutter an die Bedeutung der so genannten ofrenda erinnert, des Altars für die Toten, der in Mexiko bis heute alljährlich für verstorbene Familienmitglieder, Freunde und Prominente aufgestellt wird. Bei der Gelegenheit erfährt auch das Publikum in sehr knapper und reduzierter Form, worum es im Kern beim Día de los Muertos geht. Dieser Clip war für mich sicherlich die größte Herausforderung, denn ich musste gleich drei verschiedene Figuren spielen, von denen keine auch nur annähernd meinem eigenen Alter entspricht. Auf das Ergebnis bin ich, auch wenn ich noch viel Verbesserungspotential sehe, recht stolz.

Bei meinem ersten Kinobesuch zu diesem Film war ich auf alles gefasst, von Falschinformation bis zur unfreiwilligen Herabwürdigung meiner zweiten Kultur. Natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber ich war nicht nur angenehm überrascht, sondern zu Tränen gerührt darüber, mit wie viel Respekt und Liebe zum Detail das weltberühmte Totenfest dargestellt wurde. Nein, Disney und Pixar sind natürlich kein Ausweg aus der Kommerzialisierung alter Traditionen – beileibe nicht! Aber sie haben mit “Coco” eine Möglichkeit geschaffen, ihre Bedeutung mit Herz und Humor einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Auch über diese Szene und vor allem über die Signifikanz des Totentages könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Über die allgegenwärtige orangene Cempasuchil-Blume, die Zuckerschädel und Skelett-Charaktere, die tief in der Geschichte des Landes verankerte Mischung aus christlichen und indigenen Bräuchen und das Erkennen des Todes mitten im Leben als Teil ein und desselben Zyklus’. Hier schließt sich der Kreis, von der aztekischen Mythologie bis heute, von der Erhabenheit der Vulkane bis zur Intimität des Familienkreises. Und vom Beginn meiner Synchronsprecher-Ausbildung bis zu ihrem abschließenden Projekt. Ich blicke mit tief empfundener Dankbarkeit auf die vergangenen eineinhalb Jahre zurück und mit großem Optimismus und noch größerer Hoffnung vorwärts in die Zukunft. Mit der Unterstützung der Menschen, die ich hier kennen gelernt habe und noch kennen lernen werde, mit viel Arbeit und noch mehr Freude, mit großen Plänen und wachem Blick bin ich fest entschlossen, aus diesem neu entdeckten Geschenk eine lebenslange Leidenschaft zu machen.
Andrea Gilgenbach - Sprecherin und Moderatorin

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